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Gespräche | Kultur

Greco Disco

7 Min. Lesezeit

Port und Oliver Peoples treffen den Künstler und Designer Luke Edward Hall, um mit ihm über Interior Design, historische Einflüsse und die Anziehungskraft von Italien zu sprechen.

Die Figuren, die Luke Edward Hall zeichnet, haben die Gesichtszüge einer klassischen Portraitbüste, obwohl ihre üppige Haarpracht, die markanten Kieferpartien und griechischen Nasen mit wenigen Strichen aufs Papier geworfen scheinen. Sie besitzen eine gelassene Zielstrebigkeit, die der des Künstlers selbst nicht unähnlich ist, doch ganz gleich, ob sie an einer Bar Martinis balancieren oder aufs Meer hinausschauen, in ihrem Blick liegt eine melancholische Teilnahmslosigkeit, die weniger von Traurigkeit, als von trägem Verlangen geprägt ist. Umgeben von einem Hauch unsagbarer Sehnsucht sind sie von einer idealischen Schönheit, die wirkt, als seien sie, zunächst vollkommen entkräftet, mit hellen Farben und zarten Blumenarrangements zu neuem Leben erweckt worden.

Port x Oliver peoples campaign video cover

Play Group 34

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Pause Group 33

Im Alter von dreißig Jahren machte Hall diesen Mix von Frivolität und Erlesenheit zu einer Marke. Er versetzt seinen Stil mit klar erkennbaren Bezügen zur Antike und verwendet klassische Bilderwelten als Notate für alle irdischen und kostbaren Dinge. Die Wurzel ist sein Interesse an der Mythologie, doch wie der Titel seines kürzlich veröffentlichten Buchs Greco Deco erahnen lässt, geht es ihm dabei um eine modernere Interpretation, in der die griechisch-römische Tradition zu einer Szenerie stilisierter Motive wird. Ganz gleich, ob als Muster oder Print, Hall verwendet sie mit einem spielerischen, modernen Twist. „Ich finde, dass Design sehr ernst und langweilig sein kann, und ich versuche, ein bisschen Spaß rein zu kriegen. Es ist nicht komplett verrückt. Ich bin noch recht vorsichtig damit.“ Die cartoonartige Einfachheit von Halls Zeichnungen erinnert auch an Jean Cocteau. Die Figuren einiger seiner Einzelszenen sind durchdrungen von derselben emotionalen Vieldeutigkeit, die in den Werken von Patrick Procktor oder John Craxton erkennbar ist. Andere wiederum schmelzen in einer Sinnlichkeit dahin, die in enger Verbindung zu Duncan Grant steht. Hall selbst präsentiert sich in der Regel mit pastellrosa Hose, besonderen/formellen Westen und Marken-Brillen, wobei er die Kooperation mit Oliver Peoples zu einer natürlichen Übereinstimmung macht.

Luke komplettiert seinen eklektischen Stil mit Coleridge in der Farbe Antique Pewter.

Er kam ursprünglich aus seiner Heimatstadt Basingstoke nach London mit der Hoffnung, Graphikdesign zu studieren. Er war ein kunstbegieriges Kind, das in seiner Freizeit zeichnete, und rückblickend erkennt er Züge, die überlebt haben. „Da war viel Schneiden und Kleben und Kollagen Basteln mit dabei und ein großer Teil meiner Arbeit funktioniert immer noch so. Sie hat einen Touch von Bastelei-Ästhetik.“ Nach seinem ersten Studienjahr entschied er sich schließlich für Fashion Communications, ein Entschluss, der in dem Mode- und Kunst-Magazin, das er mit 16 Jahren gründete, bereits angelegt war. Er wollte schließlichzu Herrenmode wechseln, doch er verbrachte seine wenigen weiteren Studienjahre damit, Antiquitäten aufzustöbern und online zu verkaufen. Dieses Geschäft, das er mit einem Freund und seinem Lebenspartner, dem Interior Designer Duncan Campbell, durchzog, war mehr eine Art, sich zu beschäftigen, als ein ernsthaftes Business. „Ich fand es immer toll, alles Mögliche gleichzeitig zu machen. Wir haben damit nie viel Geld verdient, aber es war ein nettes kleines Projekt.“

Luke Edward Hall

Was mich an Inneneinrichtung fasziniert, ist, wie Leute sich selbst durch das ausdrücken, womit sie leben.

Das Praktikum in einer Bekleidungsfirma unmittelbar nach seinem Studienabschluss 2012 desillusionierte Hall in Sachen Mode. Zur gleichen Zeit kam ein Architekt und Interior Designer auf ihn zu, der ihn über seine Webseite gefunden hatte. Darauf folgte eine zweijährige Ausbildung, während der Hall nicht nur praktische Kenntnisse erwarb, wie man ein Geschäft betreibt, sondern auch mit einer ganzen Reihe komplett neuer historischer Bezüge Bekanntschaft machte. Als Inspirationen für sein Interior Design nennt er jetzt David Hicks, Madeleine Castaing, John Fowler und Dorothy Drapers. Gleichzeitig fing er an, Keramik zu machen und verkaufte weiterhin online Kunstobjekte, diesmal seine eigenen Drucke und Illustrationen. Als er begann, eine zuverlässige Anzahl von Bestellungen zu erhalten, machte er sich selbständig, so, wie er das stets vorgehabt hatte.
Vieles von dem, was Hall in seinen Zeichnungen heraufbeschwören will, sind eine Zeit und ein Ort, die aus seinen Erlebnissen stammen, aber in der Erinnerung eine jenseitige Aura erhalten. „Mir gefällt die Idee, irgendwohin zu einem magischen Ort gebracht zu werden. Italien ist für mich eine riesige Inspiration... die Leute, das Essen, die Kultur und Geschichte.“ Hall konstruiert weniger eine Stimmung , als einen bestimmten Lifestyle. Dabei greift er zurück auf viele seiner Helden, von Cocteau bis zur Bloomsbury Group, und vor allem auf den Tagebuchschreiber und Designer Cecil Beaton. Zum Londoner Kunstmilieu, in dem dieser während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen lebte, gehörten auch der Salonlöwe Stephan Tennant und der Designer Oliver Messel. Es herrschte die romantische Vision eines Lebens, in dem es zwischen Arbeit und Freizeit keine starren Grenzen gibt. „Sie arbeiteten in so unterschiedlichen Bereichen. Wenn es mich manchmal stresst, dass ich so viel zu tun habe, denke ich an diese Leute.“

Luke hat eine Wohnung im nördlichen London, die mit farbigen Entwürfen angefüllt ist.

MP-2 Sun in Bourke Street Bakery table

Überall liegen die kuriosesten Zeichengeräte herum.

Wie wir uns einen Beaton des 21. Jahrhunderts vorstellen können, lässt uns die Instagram-Präsenz von Hall erahnen. Zum Zeitpunkt dieses Berichts hat er dort 85.000 Follower. Diese Plattform, die anspruchsvolle Inhalte belohnt, macht es ihm leicht, seine Ästhetik zu verkörpern und auszuleben. Die Seite ist nicht einfach ein Portfolio von Halls Arbeit, sondern bietet dem Follower auch einen Einblick in seine privaten Räume, Urlaubs-Schnappschüsse und zeigt sogar Hall und Campbell bei einem intimen Candlelight-Dinner. „Ich liebe Instagram-Beiträge, die nicht besonders bearbeitet, die nicht perfekt sind. Sie fühlen sich am echtesten an.“ Es ist ihm aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass es ausgewählte Ansichten und Einblicke sind: „Ich zeige unsere Wohnungen, weil Inneneinrichtung mein Job ist, aber ich schreibe keinen wöchentlichen Blog über meine Gefühle. Sie werden auch keinen Instagram-Beitrag finden, der einen verkaterten Sonntag im Bett zeigt. Ich versuche einfach, das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. Es ist ein super Instrument und ich nutze es gerne, aber es ist nicht das Hauptthema, mit dem ich mich beschäftige.“
Die Einblicke in Halls Wohnung in Nord-London, wo er mit Campbell lebt, begeistert die Follower wegen der farbigen Entwürfe und den mit Gegenständen übersäten Oberflächen. Hall versteht diese Neugier. „Was mich an Inneneinrichtung fasziniert, ist, wie Leute sich selbst durch das ausdrücken, womit sie leben.“ Und was kann uns seine Inneneinrichtung über ihn erzählen? „Wenn mich jemand fragt, was ich vor einem Brand retten würde - ich hänge nicht so sehr an großen Möbelstücken. Ich hänge eher an kleinen Dingen, die eine Geschichte haben, wie einer kleinen Figur, die ich mit achtzehn irgendwo aufgesammelt habe, als ich in Rom war. Es ist die Verbindung zu Dingen, die ich getan, Menschen die ich getroffen und Orten, die ich besucht habe. Die Objekte, die Hall sammelt, haben einen bescheidenen Charme und seine Vorliebe für kleine Objekte aus Keramik in der Form von Gemüse und seltene Kunstbücher hat etwas Volkstümliches. Aber was ihn am meisten beschäftigt, ist Farbe. „Ich finde Farbe sehr emotional. Unser Flur zu Hause ist dottergelb gestrichen und wenn ich heimkomme, fühle ich mich sofort irgendwie glücklich.“

Luke trägt unsere exklusiv online erhältliche Sonnenbrille Coleridge Sun in der Farbe Gold mit emaillierter Fassung in Schildpatt und polarisierten Gläsern in True Brown.

Seine Annäherung an Farbe ist beherzt experimentell und er gibt zu, dass ihm damit in der Vergangenheit ein Fehler passiert ist: Die Wahl eines „richtig intensiven Barbie-Rosas“ für das Wohnzimmer des Paars. „Es war richtig zum Kopfweh-Kriegen, man fühlte sich, als würde man in einem Textmarker wohnen.“ Hall änderte den Farbton in einer sanftere Version und stellte fest: „Manchmal vermasselst du es, aber du kannst es jederzeit neu streichen. Das ist alles halb so schlimm.“ Hall hinterlässt niemals einen Raum, der vollkommen fertig gestellt ist, ein Ansatz, der für eine konventionelle Auffassung zur Aufgabe von Interior Design eine Herausforderung darstellt. Jedes Projekt bleibt am Ende ein Stück weit offen. Halls letzte Aktion war, ein neu erworbenes Landhaus an der Grenze zwischen Gloucestershire und Oxfordshire von Grund auf neu zu gestalten. „Wenn man Farben und Möbel aus verschiedenen Epochen mixt, ist es reichlich anspruchsvoll, das in einem kurzen Zeitraum zu tun, denn man braucht Zeit, um darüber nachzudenken, verschiedene Sachen aufzustellen und Dinge auszuprobieren. Die Pläne für ein dunkelbraunes Gästeschlafzimmer wurden aus Furcht vor Beschwerden bisher vertagt. Die Aufgabe hat Parallelen zu Halls jüngstem beruflichem Projekt, ein komplett renoviertes Hotel im 10. Arrondissement von Paris, das im Frühjahr eröffnen soll.
Dafür entwirft er nicht nur das Interieur, sondern auch das Branding, die Uniformen und das Geschirr. Das Projekt kommt seinem seit jeher gehegten Bedürfnis entgegen, eine komplette Welt von Grund auf zu errichten, aber es fordert auch seinen Blick fürs Detail heraus. „Dazu gehört eine Menge Arbeit, wie die Begutachtung von Stoffen und die Abstimmung von Beleuchtungen. Die Herausforderung besteht darin, mittels Möbeln, Tapeten und Objekten eine Atmosphäre zu schaffen.“ Um sich ganz auf das Projekt konzentrieren zu können und Werbung für sein neues Buch zu machen, verringert Hall, der auch eine wöchentliche Kolumne für House & Home der Financial Times schreibt, die Annahme neuer Aufträge. Wenn man ihn fragt, ob er sich als Unternehmer betrachtet, gibt er zu, dass er Tabellenkalkulationen liebt, fügt aber hinzu: „Als ich jünger war, war ich ein bisschen besorgt, wie man mich sehen konnte. Jetzt ist mir das egal. Ich tue das, was ich tue, und mir macht jeder einzelne Teil davon Spaß.“ Er steht neuen Chancen so offen gegenüber wie bisher und hält seine Zukunftspläne absichtlich vage. „Ich bin auf verschlungenen Pfaden bis hierher gelangt und ich denke, so wird es auch weitergehen.“

Luke Edward Hall

Mir gefällt die Idee, irgendwohin zu einem magischen Ort gebracht zu werden. Italien ist für mich eine riesige Inspiration... die Leute, das Essen, die Kultur und Geschichte.

Credits:

Produktion in Kooperation mit Port Magazine

Fotos: Issac Marley Morgan
Styling: Rose Forde

film: Black Sheep Studios